Experiment

10 Monate allein in Kanada.

Es sollten die schönsten, aufregendsten und erfahrungsreichsten 10 Monate meines Lebens werden. Die schönste Zeit war es allerdings bestimmt nicht, die schlechteste aber auch nicht. Das mit dem aufregend und erfahrungsreich stimmt allerdings zu 110%.

Im Jahr 2007 habe ich mich dafür entschieden, im August 2008 für 10 Monate nach Kanada zu gehen. In eine fremde Familie, ein fremdes Land mit einer anderen Sprache als Zuhause. Mit anderer Mentalität und anderer Kultur. Ich war mir von Anfang an sicher, dass dies 100% ist was ich will, und so unterschrieb ich den Vertrag mit der Organisation.

Je näher ich dann meinem Abenteuer kam, desto mehr plagten mich die Zweifel. Ob das alles überhaupt eine so gute Idee sei, ob ich das nicht lieber hätte nach der Schule machen sollen und ob das überhaupt das richtige für mich sei. Ich war schon Monate vor dem eigentlichen Abflug oft sehr traurig und hatte 'Vorheimweh', wo eigentlich Aufregung und Freude überwiegen sollten.

Am 22.08.2008 war es dann soweit. Ein unglaublich trauriger Abschied von meiner Familie und meinen Freunden am Flughafen, ich würde sogar behaupten, dass es der traurigste Tag meines Lebens war. Nun lagen noch 9 Stunden Flug vor mir, den ich neben quietschefröhlichen, aufgedrehten und wesentlich älteren Gleichgesinnten verbringen sollte, die alle absolut keine Träne vergossen und auch kein Verständnis dafür hatten, dass ich den halben Flug am heulen war und alle 5 Minuten aufs Klo latschte um mir die Wimperntusche aus dem Gesicht zu wischen.

Ich hatte Angst, dass sich alles verändern würde während ich weg bin. Dass ich meinen Freund verliere, meine Freundinnen und ich uns danach nicht mehr verstehen, ich die Schule nicht schaffen werde. Angekommen in Toronto war ich sehr fertig von dem Flug und dem vielen Rumgeheule und wollte eigentlich einfach nur noch schlafen. Aber dank der 5 Stunden Zeitverschiebung stand der halbe Tag noch vor mir und ans schlafen war ersteinmal nicht zu denken. Wir verbrachten ein Wochenende in Toronto und wir unternahmen sehr viele coole Ausflüge, z.B. zu den Niagarafällen! An Zuhause dachte ich trotzdem sogut wie jede Minute.

Dann hieß es weiterfliegen. Wir wurden aufgeteilt nach Provinzen und flogen von nun an in verschiedene Richtungen weiter, für mich ging es nach Halifax, Nova Scotia, wo mich meine Gastfamilie am Flughafen abholen sollte. Diesmal war ich überhaupt nicht traurig. Ich war aufgeregt und freute mich sehr auf die Familie und mein neues Zuhause. Diesmal war ICH umgeben von zweifelnden, heulenden Leuten die eigentlich nur noch nach Hause wollten. Am Flughafen dann die Ernüchterung - meine Gastfamilie war nicht da. Alle anderen Austauschschüler wurden bereits total süß mit Schildern und Geschenken empfangen und ich stand schließlich alleine dort und wartete, dass irgendwas passierte.

Mit einer halben Stunde verspätung kam dann schließlich meine Gastfamilie, bestehend aus Gastmutter und 10-Jähriger Gastschwester. Beide sehr dürr und unherzlich, gaben mir die Hand und sagten, wir müssten schnell machen, meine Gastschwester hätte heute Bazaar in der Schule.

So hetzten wir nach Hause, wo mir die Gastmutter das Bad und schließlich mein Zimmer zeigte, dann aber schnell mit ihrer Tochter zur Schule fuhr und mich alleine auspacken ließ. Ich war geschockt und sehr traurig über die unherzlichkeit und vorallem mein Zimmer. Hier konnte ich keine 10 Monate verbringen. Es war ein zimmer mit dunkelbraunen, kaputten Möbeln im Keller ohne Fenster. Alles roch nach Schimmel und ich wollte einfach nur noch weg. Zurück nach Toronto, zurück nach Hause, es war mir egal.

Ich war bereits die 7. Austauschschülerin meiner Gastmutter und das spürte man auch. Es bestand überhaupt kein Interesse mehr an 'der neuen Deutschen', da sie bereits viel über Deutschland von meiner Vorgängerin wusste und mich auch sonst nichts zu meiner Schule, meiner Person, einfach meinem Leben in Deutschland fragte.

Es waren noch Ferien und noch 2 Wochen bis die Schule anfing. Ich hatte keine Ahnung wie ich die Zeit rumkriegen sollte, bis ich endlich wieder unter Menschen bin. Ich steckte einfach alle Hoffnung in den ersten Schultag und die neuen Leute, die ich treffen würde. Nach ca. einer Woche in der Gastfamilie kam ein Mädchen zu uns um meine kleine Gastschwester zu babysitten. Ihr Name war Courtney und sie ging in die 12. Klasse auf meiner zukünftigen Schule. Wir verstanden uns super und ich war überglücklich, die erste Freundin gefunden zu haben, sogar im Haus gegenüber!

Mein erster Schultag war sehr seltsam. Ich irrte in dem großen Gebäude umher ohne auch nur eine einzige Person zu kennen, von Courtney keine Spur. Der Tag war endlos und wieder war ich fertig, weil alles einfach so scheiße läuft. Doch mit der Zeit wurde es besser - ich fing an, Freunde zu finden und mich nachmittags mit ihnen zu treffen. Wir gingen shoppen und ins Kino, sahen uns DVDs an und ich fühlte mich nicht mehr so endlos alleine. Doch jeden Abend dann wieder die Ernüchterung durch meine Gastfamilie. Ich fühlte mich nicht willkommen und auch nach zwei Monaten besserte sich unser Verhältnis nicht. Ich tat sehr viel im Haushalt, kümmerte mich um die leider sehr verzogene und verwöhnte Gastschwester und fühlte mich die ganze Zeit über mehr wie ein Au Pair als als eine Austauschschülerin. Noch immer wusste meine Gastmutter quasi nichts über mich, da wir nie miteinander redeten.

Nach drei Monaten dann fingen wir an uns zu streiten. Wegen jedem Scheiß. Ich hätte die Waschmaschine zu voll gepackt etc. und es wurde mir langsam zu blöd. Ich ging ins Sekretariat meiner Schule und heulte mich dort bei der 'Guidance Councillor' (so eine Art Vertrauens- & Beratungslehrerin) aus. Ich erzählte ich, dass ich mich absolut nicht wohl fühle und nicht weiß, was ich machen soll. Sie rief daraufhin meine Kooperatorin der Organisation an, die zwei Stunden später da war und sich mit mir hinsetzte, die ganze Situation überredeten. Ich erzählte ihr, dass ich am liebsten wieder nach Hause fahren würde, doch schließlich einigten wir uns darauf, dass ich die Gastfamilie wechseln würde.

Ich musste nun also meiner Gastmutter beichten, dass ich nicht länger bei ihr leben möchte. Alles artete in einen riesen Streit aus, sie beschimpfte mich, erzählte mir meine deutsche Vorgängerin sei genau so bescheuert gewesen wie ich etc. Eine Woche später war es endlich soweit - eine neue Familie war bereit mich bei ihr aufzunehmen und ich konnte ausziehen! Ich packte schnell meine Sachen ein und dann stand meine Kooperatorin auch schon vor der Tür um mich abzuholen. Ich hatte Angst, wie es jetzt weitergehen würde, aber hatte immer im Hinterkopf, dass es ja nur besser werden könne.

Die neue Familie nahm mich unglaublich herzlich auf. Eine philippinische Gastmutter, ein schottischer Gastvater, eine 7-Jährige und ein 4-Jähriger Sohn, ein Hund, eine Katze und ein Au Pair aus Korea. Ich fühlte mich viel wohler als bei der ersten Familie. Mein Heimweh wurde mit der Zeit allerdings leider nicht weniger und ich beichtete meiner Gastfamilie, dass ich mir nicht sicher bin, ob das alles wirklich das richtige für mich ist. Ich fühlte mich total bescheuert, wie eine Versagerin halt. Meine Gastfamilie war unglaublich nett und hatte Verständnis. Boten mir an, über Weihnachten nach Hause zu fahren und dann zu sehen, ob ich danach wiederkomme oder mich Zuhause einfach wohler fühle. Ich war überglücklich, damit hatte ich nicht gerechnet!

Ich bereitete mich also darauf vor, Weihnachten in Deutschland mit meiner Familie zusammenzusein, was alles wesentlich einfacher machte. Es ging mir einfach besser und ich war glücklicher.

Ich hatte eine schöne Restzeit mit der zweiten Gastfamilie und meinen neuen Freunden und mein Gastvater brachte mich schließlich am 22. Dezember zum Flughafen und ich hatte eine 24 stündige Heimreise vor mir.

Schon als ich das Flugzeug betreten hatte, wusste ich, dass ich nicht wieder kommen würde. Nicht als Austauschschülerin, aber ganz sicher als Besucher. Ich war mir sicher, dass mich alle für eine Versagerin halten werden. Meine Familie, meine Lehrer, vielleicht sogar meine Freunde. Doch alles kam ganz anders. Alle freuten sich unglaublich mich zu sehen und ich wurde am Flughafen mit 12 Leuten, drei Schildern und vielen, vielen Rosen empfangen.

Ich war Zuhause und ich fühlte mich stark. Das Experiment Kanada war gescheitert, aber nicht umsonst. Ich habe unglaublich viel über mich und verblüffenderweise auch über Deutschland gelernt. Habe für mich entschieden, dass ich einfach nicht mehr kann und es mir Zuhause besser geht.

Ich habe keine Entscheidung bereuht und bin sehr froh, wieder hier zu sein. Überlegt es euch gut, ob ihr so ein Auslandsjahr wirklich machen wollt. Es ist eine gute, aber leider erheblich größere Entscheidung gewesen als ich es mir je vorgestellt habe.

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